Seine Mutter lag direkt neben ihm. Sie blutete stark, während daneben ein winziger lebender Igelwelpe lag – gerade einmal 60 Gramm schwer. Mogli war viel zu klein, um allein zu überleben. So berichtet es Sylvia Soller vom Igelstammtisch Sarstedt. Für sie begann in diesem Moment ein Wettlauf gegen die Zeit. Der Zustand der Mutter ließ bereits Schlimmes vermuten. Ein Nachweis brachte schließlich die erschütternde Gewissheit: Bei der Mutter wurde Gift nachgewiesen.
Mogli selbst konnte nicht auf weitere Untersuchungsergebnisse warten. Aufgrund der Umstände wurde der kleine Igel sofort medikamentös behandelt. Bei einem Gewicht von gerade einmal 60 Gramm zählt jede Minute. Für fünf weitere Igelwelpen kam dagegen jede Hilfe zu spät.
Mogli hatte Glück. Inzwischen wird er gemeinsam mit anderen Igelwelpen großgezogen. Wärme, Nahrung und intensive Betreuung sollen ihm helfen, zu wachsen und an Gewicht zuzulegen. Doch ob er es schafft, ist ungewiss. „Wir hoffen inständig, dass Mogli durchkommen wird. Viele andere haben aber nicht so viel Glück, gefunden zu werden. Igel sterben leise und verstecken sich“, sagt Sylvia Soller.
Genau darin liegt für den Igelstammtisch Sarstedt ein großes Problem. Die ehrenamtlich Helfenden kümmern sich regelmäßig um verletzte, geschwächte und kranke Sarstedter Igel. Vergiftungen stellen dabei eine besonders heimtückische Gefahr dar. Denn die Tiere ziehen sich häufig zurück, wenn es ihnen schlecht geht. Werden sie nicht rechtzeitig entdeckt, kommt jede Hilfe zu spät.
Auch Tierärztin Dr. Eva-Maria von Wick, die den Igelstammtisch unterstützt, zeigt sich angesichts der Häufigkeit solcher Fälle besorgt. Dabei sind nicht nur Igel betroffen. „Kürzlich fand ich zwei Maulwürfe nebeneinander liegend. Wenn Maulwürfe sterben, kommen sie an die Oberfläche. Auch bei denen wurde Rattengift nachgewiesen“, berichtet von Wick.
Das Problem kann damit weit über den einzelnen Giftköder hinausreichen. Auch andere Tiere können einen Köder aufnehmen oder vergiftete Tiere fressen und dadurch selbst zu Opfern werden.
Der Igelstammtisch Sarstedt appelliert deshalb an Garten- und Grundstücksbesitzer, möglichst vollständig auf den Einsatz von Gift zu verzichten. Wo eine Bekämpfung von Schadnagern tatsächlich notwendig ist, sollte ausschließlich ein aktuell zugelassenes Mittel verwendet werden – und ausschließlich in geeigneten Köderboxen, die für Igel und andere Wildtiere nicht zugänglich sind.
Denn ein Igel kann nicht erkennen, welche Gefahr von einem Köder ausgeht. Nachts streift er durch Gärten auf der Suche nach Nahrung. Was für einen bestimmten Zweck ausgelegt wurde, kann für ihn oder andere Wildtiere tödlich enden.
Für Mogli kam die Hilfe rechtzeitig. Der kleine 60-Gramm-Igel kämpft weiter. Er bekommt Tag und Nacht alle zwei Stunden Kittenmilch mit Laktase, denn Igel sind laktoseintolerant. Normale Milch schadet ihnen. Sylvia Soller kann auf die Unterstützung ihres Mannes und der drei Teenager-Söhne zählen, die beim Reinigen des Inkubators und beim sogenannten „Toiletting“ helfen. Igelwelpen können sich noch nicht alleine lösen, d.h. Kot und Urin absetzen, sondern benötigen dafür eine Stimulation durch die Igelmutter oder, in diesem Fall, der Zieheltern.
Nun wächst der Mini-Igel gemeinsam mit anderen Welpen auf. Noch ist er winzig, noch ist sein Weg zurück in die Freiheit lang. Ob Mogli diesen Weg schaffen wird, weiß niemand. Aber solange er kämpft, kämpft auch Sylvia Soller um ihn.
/stb